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am Anton

Europerience: Europa-Erfahrungen, die bewegen

Verfasst von: Meike Klingauf

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An diesem Schultag gleicht die Aula mit ihren vielen Flaggen einem internationalen Konferenzraum. Die Gäste sowie die Schülerinnen und Schüler der Einführungsphase erkennen sofort die Symbolkraft dieser Dekoration: Heute geht es um die Erasmus-Projekte, die die Europaarbeit am Anton widerspiegeln. Gäste unserer zweiten „Europerience“, bei der traditionell über Erfahrungen im Ausland oder mit ausländischen Gastgruppen berichtet und reflektiert wird, waren auch die Politiker Tobias Cremer (Europäisches Parlament) und André Stinka (Landtag NRW).

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Zunächst hieß es für die Lernenden, neugierig auf die Wortbeiträge der beiden Politiker zu sein. „Wir sind die Maurer“, stellten sie sich der Zuhörerschaft vor. „Wir bauen das Haus Europa.“ Dass sie dies mit Leidenschaft tun, war den Ausführungen der Referenten unmissverständlich zu entnehmen. Stellung zu beziehen zur geopolitischen Lage und zum Rechtsruck in der Politik war ihnen ein Anliegen. Sie ermutigten dazu, auf die Stärke Europas zu vertrauen und sich nicht von Trollen in den sozialen Medien täuschen zu lassen. Die Abgeordneten ernteten Respekt und, wie die Fragen der Schülerinnen und Schüler zeigten, echtes Interesse, über tagesaktuelle politische Themen ins Gespräch zu kommen. Wie das Haus Europa, das die „Maurer“ bauen und erhalten, ein zukunftsorientiertes Haus bleibt, legte Schulleiter Christian Weyers den Schülerinnen und Schülern nahe: „Schaut euch Europa nicht passiv an, wie ein Museum. Erforscht, erfahrt, erlebt es, macht eure ‚Europeriences‘ – wir als Schule liefern die Chancen. Ergreifen müsst ihr sie.“

Im zweiten Teil der Veranstaltung hatten die Schülerinnen und Schüler das Wort. Zurück schauten zunächst Lara, Julia, Ole und Florian auf die Fahrt nach Knurow, bei der sich die Gruppe zusammen mit Jugendlichen der Partnerschule Zespół Szkół im. I. J. Paderewskiego in Krakau, Auschwitz und Birkenau mit der gemeinsamen Geschichte auseinandergesetzt hat. Florian berichtete mit großer Intensität, wie er am Abend mit einem polnischen Jugendlichen über das an den Orten der Erinnerung gemeinsam Erlebte gesprochen hat. Nachfahren der Täter und Nachfahren der Opfer. Keine Schuld, aber Verantwortung. Seine Worte wirkten nach.

Ein ganz anderer Wind wehte durch die Aula, als Leah, Mia, Linus und Carla den Besuch der dänischen Partnerschule aus Vejstrup (Fünen) Revue passieren ließen. Wie bei allen Efterskoler ist der Ansatz von Schule ein ganz anderer, so berichtet Mia, die mit ihrer Teilgruppe das deutsche und das dänische Schulsystem in einem Podcast beleuchtet hatte. Entscheiden sich dänische Jugendliche, für ein Jahr in einer Efterskole zu leben und zu lernen, so entscheiden sie sich, das Elternhaus zu verlassen, um mit der gesamten einzigen Jahrgangsstufe ihrer Schule etwas Gemeinsames zu schaffen, Hauswirtschaft mit Kochen und Putzen inklusive. Die dänischen Gäste transportierten eine unglaubliche Energie in die Schule, stehen doch auf ihrem Stundenplan überwiegend Tanzen, Turnen und Fitness. Einen Rückwärtssalto aus dem Stand synchron im Klassenzimmer: Kein Problem für zwei der Gastschüler. Ein Jahr Leichtigkeit und Lebensfreude tanken, bevor es in die Oberstufe geht – wir waren beeindruckt.

Das dritte Projekt, das jährlich am Anton stattfindet und seit letztem Jahr gemeinsam mit dem Bonhoeffer College, unserer Partnerschule in Enschede (Niederlande), durchgeführt wird, ist die sogenannte „Career Perspective Rotation“. Dabei besucht die Gruppe gemeinsam verschiedene Betriebe, Bildungs- und Kultureinrichtungen und erkundet so den Arbeitsmarkt sowie die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. „In dieser Vielfalt und Dichte in die Berufs- und Studienwelt einzutauchen und zu erleben, dass wir als Schülerinnen und Schüler mit unseren Beobachtungen und Fragen als zukünftige Nachwuchskräfte oder Studierende ernstgenommen werden, war schon etwas sehr Besonderes“, waren sich Finn und Carlotta, die im Vorjahr dabei waren, einig. Begeistert berichteten sie auch vom Zusammenleben in Apartments mit den begleitenden Lehrkräften als Nachbarn und von dem großen gemeinsamen Kochwettbewerb.

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Über das vierte Erasmus-Projekt der EF, bei dem es sich eher um klassische Betriebspraktika handelt, berichteten Noemi, Mahak und Frieda. Wir führen es für unsere frankophilen Schülerinnen und Schüler jährlich mit der Unterstützung des Comité de Jumelage et d’Amitié Franco-Allemand de Taverny in Lüdinghausens Partnerstadt durch. Paul Chaillot vom CJAFA hatte sich wieder um die Praktikumsplätze in beispielsweise Kinderbetreuungseinrichtungen, in einer Apotheke oder einer Tierarztpraxis gekümmert, und Anna Stehling, die Französischlehrkraft der Gruppe, hatte die Lernenden mit spezifischen Vokabellisten ausgestattet. Auch Alltagsfranzösisch wurde im Vorfeld eingeübt, hierfür hatte sich Emanuelle Hof, Schülermutter und Mitglied der Schulkonferenz, angeboten. „Macht Fehler“, rät Frieda, die im letzten Jahr ihr Praktikum in der Immobilienbranche absolvierte. „Sonst lernt ihr nicht, keine Fehler zu machen“, ermutigt sie ihre Nachfolger.

Alle Schülerinnen und Schüler haben bei der Europerience gezeigt, dass sie durch die Erasmus-Projekte auf die eine oder andere Art gewachsen sind. Sie haben Verantwortung für sich und die Gruppe übernommen, sich eingebracht, das Anton würdig vertreten und mit ihrem Tun Spuren hinterlassen. Sie haben ihre Multilingualität als Ressource für Kommunikation beworben und die Möglichkeiten und Chancen, die Europa bietet und die finanziell durch die Erasmus-Förderung verwirklicht werden können, als Privileg vermittelt. Die Abgeordneten Tobias Cremer und André Stinka genossen es sichtlich, so vielfältige persönliche Eindrücke über die Europaarbeit des Anton gewinnen zu können. „An der Europaschule lernen die Schülerinnen und Schüler nicht nur über die EU, sondern sie erleben sie hautnah“ fasste Cremer auf seinem Instagram-Account zusammen.