MI(N)TEINANDER GRENZEN ÜBERWINDEN - Das Anton nimmt am Euregio-Projekt „MINT auf Schlössern/in kastelen“ teil

Geschrieben von C. Weyers

MINT_auf_Schloessern1„Wir können doch gar kein Niederländisch! Was ist, wenn die uns nicht verstehen? Was ist, wenn die sich total langweilen?“, fragten Ole und Justus, die in dem Moment, als die Klasse 9b des St.-Antonius-Gymnasiums erfahren hatte, dass sie am Projekt „MINT-Lab auf Schlössern/in kastelen“ teilnehmen darf, noch voller Enthusiasmus waren, mit etwas mulmigem Gefühl auf dem Parkplatz der Burg Vischering. Und auch die übrigen 26 Schülerinnen der 9b waren ungewöhnlich verhalten, denn am 21.09.2017 war es so weit: Das deutsch-niederländische Projekt, in dem die 9b mit einer Klasse des niederländischen Ulenhofcollege in Doetinchem, Niederlande, an zwei Projekttagen zusammen forschen sollte, sollte in wenigen Sekunden beginnen.

Und diese angespannte Aufregung war durchaus nachvollziehbar, denn bei diesem Projekt ging es ja nicht nur darum, einen Tag mit spannenden Experimenten zu verbringen, sondern die Schülerinnen und Schüler der niederländischen Klasse würden auch eine Nacht in den deutschen Familien übernachten, am Morgen mit den deutschen Schülerinnen und Schülern zum Anton fahren und im Dezember stand der Rückbesuch in Doetinchem an, auch wieder mit einer Übernachtung. Und doch hielt diese Anspannung nur wenige Sekunden an, denn bereits als die Koffer und Taschen der Niederländer im Anton deponiert waren und alle gemeinsam zur Stadtführung durch Lüdinghausen aufbrachen, war die Stimmung ausgelassen. MINT_auf_Schloessern2„Thijs ist auch Fußballfan, wir haben dem erstmal erklärt, dass der BVB ja wohl besser als Ajax ist“, hörten die begleitenden Lehrer Anna-Lena Peckrun und Christian Weyers hier und dort: „Julie hatte mich schon auf Facebook gefunden, wir haben ganz viele Gemeinsamkeiten.“ Und so wanderten die insgesamt 53 Schülerinnen und Schüler in deutsch-niederländischen Gruppen gemischt und mit Laternen ausgestattet durch das nächtliche Lüdinghausen und lauschten aufmerksam der Stadtführung, die der Englischlehrer der 9b, Douglas McTague mit viel Charme und einem guten Gespür für die Interessen der Jugendlichen organisiert hatte. „Ah, wat mooi, ze leren tussen twee kastelen“, staunte Mart aus Doetinchem als die Gruppe von der Burg Lüdinghausen durch den Landschaftspark wieder zurück zum Anton gelangte und mit der Burg Vischering den Arbeitsort des nächsten Tages sah. Auch die niederländischen Lehrerinnen Annett Claasen und Kimberly Wensink waren angesichts der pittoresken Altstadt Lüdinghausen und des mächtigen Klosters sichtlich begeistert.

Und als die Schülerinnen und Schüler morgens zum Anton kamen, um den Projekttag zu beginnen, hatten die niederländisch-deutschen Teams sich in langen Gesprächen während der Nacht in den Familien und der für die niederländischen Schüler ungewöhnlichen Fahrt mit dem Schulbus schon so intensiv kennengelernt, dass Janine aus der 9b über sich selbst schmunzeln musste, als sie sich an ihre Gefühle am Vorabend erinnerte: „Wie unnötig, dass ich mir Sorgen gemacht hab. Man muss gar kein Niederländisch können, um ne Nacht durchzuquatschen!“ Nach einer kurzen Begrüßung durch den Stellvertretenden Schulleiter des Anton, Jörg Schürmann, ging die Gruppe gemeinsam zur Burg Vischering, die in einer Burgführung erkundet wurde, bevor der experimentelle Teil des Projekttags begann. In deutsch-niederländischen Teams erforschten die Schülerinnen und Schüler die Themenfelder „Schön will man immer sein – Kosmetik früher und heute“, „Früher und heute lebendig – die Gewässer der Grefte“ sowie passend zur herbstlichen Erkältungszeit „Heilen – von der mittelalterlichen Kräuterkunde zur modernen Medizin“. Hierbei wurden zwei Themenfelder von der wissenschaftlichen Leiterin des Neanderlabs Erkrath vorbereitet und eines („Heilen“) steuerten die Biologielehrerin Anna-Lena Peckrun und der Chemielehrer Christian Weyers bei. Besonders reizvoll für die Schülerinnen und Schüler war dabei, dass sie vormittags und nachmittags jeweils unterschiedliche Themenfelder bearbeiteten, sodass in der Mittagspause und nach dem Abschluss des Tages viel Gesprächsbedarf über die noch anstehenden oder nur von anderen bearbeiteten Themen bestand. „Wir kennen das Anton ja schon aus der ersten Projektrunde 2012 und waren uns sofort sicher, dass wir wieder mit den Kolleginnen und Kollegen aus Lüdinghausen arbeiten wollen, als wir den Plan für eine Ausweitung des Projekts in die Euregio hatten“ beschreibt Ute Cremer das Zustandekommen des Kontakts mit dem Anton, während um sie herum die Schülerinnen und Schüler sich die Experimentieranleitungen übersetzen, Hautcremes herstellen und den Vitamingehalt einer Vitamintablette bestimmen. „Habt ihr schon das Pfefferminzöl hergestellt? Wahnsinn, wie intensiv das riecht!“ geht da Sarah dazwischen und Ute Cremer muss schmunzelnd, aber energisch darauf hinweisen, dass der Gruppenwechsel erst am Nachmittag stattfinden wird, was Anita aber gar nicht stört: „Wir machen Duschgel, das riecht wenigstens gut. Unglaublich, dass die Menschen im Mittelalter waschen echt als gefährlich angesehen haben.“ Und schnell erklärt sie ihrer niederländischen Projektpartnerin mit Gesten und ein wenig Englisch, dass man noch eine Seife herstellen wolle, bevor es Mittagessen gibt.

MINT_auf_Schloessern2„Anfangs sind Gesten und die englische Sprache ein Kompromiss. Aber da die Ansprachen auf Deutsch und Niederländisch erfolgten konnten beide Sprachen hörbar vernommen werden. Das Verständnis für die jeweilige Fremdsprache wuchs“, fasst Markus Schleef von der Andreas-Mohn-Stiftung zusammen, wie sich die Schülerinnen und Schüler auch sprachlich annäherten. Und damit sei, so Schleef, ein wesentlicher Aspekt erreicht, der die Andreas-Mohn-Stiftung überzeugt habe, als Leadpartner das Projekt durchzuführen, an dem neben dem Kreis Coesfeld und dem Land Niedersachsen, den niederländischen Regionen Achterhoek, Gelderland und Overijssel, dem Förderkreis „Kultur und Schlösser“ auch zahlreiche Förderer aus der Wirtschaft wie die Telgter Firma Münstermann beteiligt sind und das bis zum Jahr 2021 in der Euregio durchgeführt werden soll. Und tatsächlich vernahm man hier und da ein „Tot ziens“ aus deutschem Mund und ein entspanntes „Tschuss“ der niederländischen Schüler, als die Niederländer am späten Nachmittag Lüdinghausen wieder verließen.

„Es ist wahnsinnig toll, wie schnell hier Kontakte entstanden sind. Viele Schüler sind über die zwei Monate bis zum nächsten Projekttag durch die sozialen Medien in Verbindung geblieben“, erinnert sich Christian Weyers und seine Kollegin Anna-Lena Peckrun ergänzt: „Als wir in Doetinchem angekommen sind, gab es direkt keine deutschen und keine niederländischen Schüler mehr, sondern eine große Gruppe, die sich total auf das nächste Abenteuer freute.“ Unterstützt wurde diese Freude besonders auch dadurch, dass die niederländischen Lehrer und ihre Klasse eine Willkommensparty in Doetinchem organisiert hatten, auf der bei Weihnachtsgebäck und Getränken sogar gewichtelt wurde. Während der erste Projekttag im Zeichen der MINT-Fächer Biologie, Physik und Chemie gestanden hatte, prägten die Fächer Informatik und Technik den zweiten Projekttag, zu dem die Gruppe in die DRU Cultuurfabriek Ulft, eine ehemalige Emaillegießerei, aufbrach. Hier lernten die deutsch-niederländischen Teams die Entwicklung der Drucktechnik von den Anfängen bis zur Gegenwart kennen: Emailleplatten wurden hergestellt, Stoffbeutel im Siebdruckverfahren nach selbst kreierten Motiven gedruckt und das Drucken mit dem 3D-Drucker wurde ebenso ausprobiert wie die Besonderheit der verwendeten Polymere erarbeitet wurde. Ein besonderes Highlight dabei war, dass ganz im Sinne des Projektansatzes den Schülerinnen und Schüler erneut mehrere Workshops offen standen und sie so ein ganzheitliches Bild des Druckprozesses gewinnen konnten.MINT_auf_Schloessern2 Und weil die Gruppe nach zwei intensiven, lehrreichen und unterhaltsamen Tagen sehr zusammengewachsen war, verbrachten die Schülerinnen und Schüler das Mittagessen in entspanntem Austausch über Fußballergebnisse, Kinofilme und die anstehenden Weihnachtsferien, Handynummern wurden ausgetauscht und sogar einzelne Verabredungen für die Ferien getroffen – schließlich sind knapp 100km Entfernung kaum noch ein Hindernis, wenn der erste Sprung über die Grenze einmal geschafft ist. „Hier fallen die Grenzen quasi nebenbei, weil man mit den Experimenten eine gemeinsame Mission hat, die man nur im Team erfüllen kann. Und während der Arbeit entdeckt man die Gemeinsamkeiten und vergisst die sprachlichen Barrieren“ stellte Anna-Lena Peckrun stellvertretend für die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer beeindruckt über die Offenheit der Schülerinnen und Schüler fest. Dass das St.-Antonius-Gymnasium das Projekt „MINT-Lab auf Schlössern/in kastelen“ gemeinsam mit dem Ulenhofcollege weiter begleiten wird, freut auch Schulleiterin Elisabeth Hüttenschmidt: „Mich fasziniert die Symbiose aus der Tradition, die die Kulturmonumente als Arbeitsorte, und dem Fortschritt des MINT-Gedankens. In der Idee dieses Projekts findet sich unsere Idee einer MINT-Schule absolut wieder.“


 

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